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Es ist früher Morgen, als er das große Gebäude außerhalb der Stadtmauern Sturmwinds erreicht.

Er macht etwas her, hoch zu Ross, hoffentlich wird keiner bemerken, dass das Pferd die besten Jahre bereits hinter sich hat. Am breitkrempigen, schwarzen Hut steckt eine Pfauenfeder, ein Rüschenhemd mit weiten Ärmeln, schwarze Hose, hohe Schaftstiefel mit polierten Schnallen, ein reichverziertes Rapier, zum kämpfen völlig ungeeignet.


Er kommt sich vor wie ein Idiot.


Die Sachen sind nur geliehen, er hat mit Taringail eine Stunde lang vor dem Spiegel gestanden und an sich herumgezupft. Aber gut, wenn sie einen Adeligen wollen, so sollen sie ihn haben. Er trägt die Brille mit den getönten Gläsern, darunter sieht man seine Augen nicht. Er befürchtet er könnte aussehen, wie er sich fühlt.

Furchtbar.


Das Waisenhaus sah vielleicht einmal einladend und freundlich aus, doch die Zeiten scheinen schon länger vorbei zu sein. Der Garten ist verwildert, große Flächen nackter, festgetrampelter Erde unterbrechen die Rasenfläche. Ein paar Kinder in viel zu dünnen Sachen laufen herum, ein kleines Mädchen trägt zwei Wassereimer. Es trägt keine Schuhe. Als die Kinder ihn entdecken, rennen sie ins Haus. Mache ich ihnen etwa Angst?! Er steigt vom Pferd, zieht sich noch einmal die Kleider glatt, klopft dann an die Tür. Es dauert eine Weile, bis sie geöffnet wird. Ein buckeliger Alter, dem irgendetwas, unbestimmbar kriecherisches anhaftet beugt sich noch weiter herunter und zischelt umständlich


„Ich grüße euch, Mylord. Wen darf ich melden?“


„Bennett Cedric Tristan von Silberherz, für euch Lord Silberherz.“ Er hofft, dass es überzeugend klingt und kommt sich dabei vor, wie in einem Theaterstück.


„Nur herein, wir haben nur einen Brief erwartet, nicht euch persönlich, Mylord.“


„Ay...Ja, wie auch immer. Ich werde sie mitnehmen, wo ist sie?“


„Nun, Mylord, natürlich, selbstverständlich. Wenn ich jedoch vorher untertänigst um das Begleichen der Rechnung bitten dürfte...“ die echsenhafte Gestalt des Alten wird noch etwas buckeliger bei diesen Worten.


"Nein.“ Er hofft, dass es herrisch und befehlsgewohnt klingt. Doch eigentlich hat er noch nichtmal eine Ahnung, wie das wäre.


„Äh, äh Mylord, ihr werdet doch verstehen, die laufenden Kosten, sie sind immens...“


„Ich weiß. Ihr werdet euer Geld bekommen, aber nicht jetzt. Erst werdet ihr mir das Kind geben!“ In seiner Stimme schwingt langsam echter Ärger mit. „Mein Diener wird es euch Morgen früh vorbeibringen.“ Einen Scheißdreck wird er tun. Als ob ich einen Diener hätte. Er blickt den Alten mit einem Blick an, der, so hofft Bennett zumindest, keinen Widerspruch duldet.

Der Alte hält einen Moment lang stand, knickt dann ein. „Selbstverständlich, Mylord. Wenn ihr mich kurz die Akte suchen lassen wollt...“ Er humpelt zu einem uralten Eichenschrank, der vor Papieren wortwörtlich aus allen Nähten zu bersten scheint und wühlt eine gefühlte Ewigkeit darin herum, nur um zwei schmutzige und zerknitterte Blätter hervorzuziehen.


„Dann wollen wir doch mal...Insassin Nummer 15235, Name unbekannt, Alter wird geschätzt auf vier Jahre, Einlieferung Anfang September diesen Jahres. Mutter verstorben Vater...“ Er blickt kurz auf und grinst Bennett kriecherisch an.


„Wieso ist der Name nicht bekannt?“


„Sie spricht nicht, Mylord. Vielleicht war er in den Papieren, vielleicht nicht, wir haben schrecklich viel zu tun, wir können uns nicht um Kleinigkeiten kümmern.“ Ein Nicken zu dem überquellendem Schrank.


Bennett ballt die Fäuste und widersteht nur knapp dem Impuls dem Alten eine reinzuhauen. „Ich werde sie jetzt mitnehmen. Die Rechnung könnt ihr dann mit meinem Diener klären.“ Er spricht gepresst durch die Zähne hindurch, atmet dann tief durch und entspannt sich etwas.


„Eine Unterschrift hier, Mylord, wenn ich bitten darf.“


Bennett kritzelt etwas unleserliches auf ein Formular, es ist zu klein, als dass er es wirklich lesen könnte.


„Wenn ihr mir dann folgen wollt...“ Der Alte verbeugt sich und humpelt zu einer schweren Tür, steckt einen Schlüssel ins Schloss, den er zuvor umständlich aus seinem schäbigen Gehrock gefummelt hat und sperrt die Tür auf.

Dahinter liegt der Schlafsaal, der neben dem Eingangsraum, welches gleichzeitig wohl als Büro dient, der einzige Raum des scheunengroßen Gebäudes zu sein scheint. Der Gestank ist so überwältigend, dass Bennett für einen Moment zurückschreckt und sich den Ärmel vor die Nase hält. Der Raum scheint vor Kindern allen Alters förmlich zu bersten. Auf den schäbigen Strohsäcken sitzen zwei, manchmal drei Kinder, die meisten blicken apathisch in die Gegend, viele Husten. In Gitterbetten schreien Säuglinge, der Lärm ist überwältigend.

Ein paar Frauen mit versteinertem Gesicht bewegen sich zwischen den Lagern, eine trägt ein schreiendes Kind, eine andere einen Abfalleimer. Bennett taumelt für einen Moment, bis er seine Fassung wiedererlangt. Der Alte humpelt ungerührt voraus, spricht kurz mit einer der Frauen, dreht sich dann zu Bennett um.


„Schrecklich viel zu tun, ihr seht, Mylord. Bitter hier entlang.“


Sie schlängeln sich zwischen Kindern hindurch, die den seltsam herausgeputzten Herrn mit großen Augen furchtsam anstarren, ein paar fangen an zu weinen und klammern sich an den Betten fest, als befürchteten sie im nächsten Moment fortgerissen zu werden. Der Boden ist schmierig und schmutzig, in den Ecken liegen gebrauchte Windeln, Essensreste und anderer Unrat, dreckige Kleider.

Die Kinder sind einfache Leibchen gekleidet, schmutzig, der Wind pfeift durch die Ritzen der schlecht abgedichteten Fenster. Bennett sieht sich ungläubig um und murmelt lautlos „Scheiße“ vor sich hin, schaudert.&nbsp


Der Alte räuspert sich. „Mylord...“

Er hält das Handgelenk eines kleinen Mädchens fest und vergleicht eine Nummer auf einem schmutzigen Armband mit dem Formular in seiner Hand.

„Das ist sie.“ Der alte grinst wölfisch und hält die Hand auf. Offensichtlich erwartet er Trinkgeld. Er bekommt es nicht.

„Lasst mich mit ihr allein!“

Der Alte schnaubt auf, offensichtlich enttäuscht und verzieht sich ohne ein weiteres, einschmeichelndes Wort. Erst jetzt bekommt Bennett Gelegenheit, sich das Mädchen genauer anzusehen. Sie trägt einen schmutzigen Kittel, ist viel zu mager. Ihr Haar ist kurz geschnitten, so kurz, wie es mit einer Schere wohl nur geht. Flachsblond.

Eine der Frauen geht vorbei, ohne den edlen Herrn anzublicken raunzt sie ein „Läuse, passt bloß auf. Hier holt man sich alles Mögliche.“

Das Mädchen scheint nichts davon wahrzunehmen. Sie sitzt eng an die Wand gedrückt, die Knie an die Brust gezogen, den Kopf darauf. Er setzt sich neben sie und hat das Gefühl einer Ohnmacht nah zu sein. Er nimmt den albernen Hut ab und berührt sie vorsichtig am Arm. Sie rührt sich erst überhaupt nicht, hustet dann, beunruhigend, blickt auf, scheint aber durch ihn durch zu sehen.

„Ich bin Ben. Wie heißt du, hm?“


Keine Antwort, sie rührt sich nicht.


„Hier ist es nicht schön, nicht wahr? He...du musst keine Angst vor mir haben. Ich hol dich hier raus, wenn du mit mir mitkommen möchtest.“


Sie legt wieder den Kopf auf die Knie und atmet rasselnd.


"Du bist krank...ich...ich werd' mich um dich kümmern, wenn du mich lässt.“

Eine Pause, die Kleine rührt sich nicht.


„Ich hab deine Mama gekannt. Sie wollte, dass ich mich um dich kümmer'.“

Jetzt blickt sie doch auf. Sie schaut ihn durchdringend an, überraschend ernst, als wollte sie eine Lüge in seinem Gesichtsausdruck suchen.

Einer plötzlichen Eingebung folgend öffnet er seine Umhängetasche, holt seine Zeichenmappe heraus und sucht das Bild von Liliane heraus, hält es der Kleinen hin. „Ick har'n er kannt, det kaannst mi glöven.“ Sie scheint die Mundart wiederzuerkennen, schaut ihn verwundert an und nimmt zögerlich das Bild.

Erst jetzt bemerkt er, dass sie ein schmuddeliges Stück Stoff fest umklammert hält, ein Ärmel liegt ihr quer über dem Schoß. Es scheint ein Hemd oder ähnliches zu sein. Sie sieht das Bild an, macht große Augen und schaut ihn verwundert an.

„Du kannst es gern haben. Aber lass uns hier gehen, hm? Hast du noch andere Sachen als das da?“ Er deutet auf den Kleidungsfetzen. „Ich schätze, du willst das mitnehmen.“

Sie nickt kaum merklich.

„Gut. Natürlich. Wie du willst.“ Er steht auf und schaut sie etwas hilflos an, schließlich steht sie aber auf und klammert sich an seinen Ärmel, sie schlängeln sich durch den dreckigen Schlafsaal hinaus, würdigen den Alten im Vorzimmer keines weiteren Blickes.


Draußen steht die Oktobersonne mittlerweile hoch am Himmel, es ist verhältnismäßig warm, dennoch ist das kleine Mädchen viel zu dünn angezogen, wenigstens trägt sie Schuhe aus Segeltuch. Bennett tritt zu seinem Pferd (welches von dem kleinen Mädchen mit großen Augen angestaunt wird) und wühlt in der Satteltasche, findet schließlich eines seiner karierten Flanellhemden. Viel zu groß, aber warm. Er streift es dem Mädchen über, sie lässt ihn gewähren. Er bemerkt ihren staunenden Blick auf den alten Hengst, lächelt dann etwas und hebt sie auf den Sattel, führt das Pferd neben sich her.

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